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Thema: So war es - Windelkauf vor Internet !!!

  1. #1
    Senior Member Avatar von wfingo

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    So war es - Windelkauf vor Internet !!!

    Hallo Freunde.

    Hier jetzt ein weiterer Erfahrungsbericht für die „Leseratten“ unter den Forumsgästen und Portalmitglieder.

    Evtl. ist die wieder ein „trockner Bericht“ – aber was soll ich machen – ich will ja bei den Tatsachen bleiben.

    So war es mit der Windelbeschaffung VOR E-Commerce

    Erlebnisse die ich so beim Windel- und Gummihosenkauf so gemacht habe zu der Zeit wo das Internet noch streng geheim und nur dem Pentagon vorbehalten war. Einfach an den PC setzen und im WWW schauen wo und was es so alles gibt – is nich. Das Internet ist ja erst seit ca. 1990 frei zugänglich. Und bis man über das Inet einkaufen konnte und sich das „e-Commerce“ breit gemacht hat gingen noch ein paar Jahre ins Land. Man musste sich also auf „Schusters Rappen“ machen und schauen wo es Einwegwindeln, Gummihosen usw. über die Ladentheke zu kaufen gab.

    Ich lebte zu dieser Zeit – also gegen Ende der siebziger und achtziger Jahre noch in „Einzugsgebiet Hamburg“ – also im „hohen Norden“ der Republik. Inzwischen hat es mich ja in die letzte südwestliche Ecke der BRD verschlagen.

    Meine bevorzugten Einkaufsquellen im Norden waren zwei Sanitätshäuser. Eines in Hamburg-Neugraben und das zweite in Hamburg-Harburg. (Beides im südlichen Randgebiet von Hamburg). Dann gab es auch noch einige kleine Läden in Hamburg und eines in Buxtehude. Ich wohnte eigentlich genau zwischen den Orten Hamburg-Neugraben und Buxtehude.

    Dann gab es auch noch so genannte „Fachgeschäfte für Gummiwaren“. Dort konnte man eigentlich die ersten Gummihosen für Erwachsene über den Ladentisch kaufen. Die führten bereits PVC-Schutzhosen für Erwachsene (meist Mölny, Septa oder teilweise sogar Eigenproduktionen) lange bevor es diese in Sanitätsgeschäfte gegeben hat und auch ECHTE Gummihosen aus Naturgummi oder Latex – die aber meist unverhältnismäßig teuer waren – aber teilweise von der Kasse bezahlt wurden. Vor allen die Naturgummihosen die als „Schutzhose für Inkontinenz zum Schwimmen“ angeboten wurden – aber dazu eigentlich gar nicht geeignet waren, weil sie viel zu eng anlagen.

    Zur der Zeit in der man sich „standardmäßig“ mit Stoff gewickelt hat waren diese Gummiwarenläden aber die erste Anlaufstelle – und meist diejenigen die auch eine kleine Auswahl unterschiedlicher Hosen parat hielten. Als Alternative gab es Versandhändler die über Katalog/Prospekt oder sogar Zeitschriften-Kleinanzeigen (TV, Hörzu usw.) angeboten haben und dann den Kauf komplett auf den Postweg (Bestellung und Versand) abgewickelt haben.

    Als erstes, großes Versandhaus war Quelle ein Anbieter von PVC-Schutzhosen. Neckermann folgte einige Jahre später.

    Meine hier geschilderten Erlebnisse beziehen sich aber auf den Kauf von Einwegwindeln und Gummihosen in Sanitätshäusern. Die ersten Einwegwindeln waren noch echter Luxus und sehr teuer – und wurden natürlich nicht von der Kasse gezahlt. Sie waren auch nicht von der Qualität wie man sie heute kennt. Superabsorber gab es noch gar nicht und Auslaufsperren sowie Beingummis gab es auch erst sehr viel später. Die ersten mir bekannten Einwegwindeln waren wie die ersten Pampers mit Klebeverschlüsse und in der Mitte einfach durch falten und entsprechenden Verkleben in Form gebracht. Dies Art der Einwegwindel habe ich Jahre später nochmals in der Türkei angetroffen.

    Diese Einwegwindeln sind anfangs auch immer nur zum Einsatz gekommen wenn ich die praktische und schnelle Handhabung benötigt habe und Stoffwindeln nur umständlich wechseln konnte. Die Einwegwindeln haben aber die Mobilität genau aus diesem Grunde bei mir (und sicher auch bei anderen Inkos) extrem erhöht. Man hatte nicht mehr das Problem: Wohin mit den nassen Stoffwindeln. Stoffwindeln hat man ja nicht einfach im Müll entsorgt. Die mussten immer wieder nach Hause in die Wäsche – und somit hat man sich eigentlich nur sehr selten für längere Zeit von zu Hause entfernt. Das hat sich mit den Einwegwindeln schon grundlegend geändert. Jetzt war es egal – man konnte sich problemlos zwischendurch die Windeln wechseln und somit auch mal länger Unternehmungen machen. Eine doch sehr entscheidende Steigerung der Lebensqualität. Sicher ein Grund warum sich Einwegwindeln dann auch sehr schnell zum „Standard“ entwickelt haben – besonders nachdem die Kassen dann auch die Kosten übernommen haben, was allerdings recht lange gedauert hat.

    Also zurück zum Einkaufen. Ich kann mich noch gut erinnern. Die ersten Einwegwindeln (ich glaube es waren Certina-Windeln) habe ich im Schaufenster des kleinen Sani-Laden in Harburg gesehen. Es waren Pakete mit 10 Stück – und sie waren wirklich heftig teuer. Aber ich musste sie unbedingt haben. Ich habe schon mit 16 Jahren eine Tageszeitung (Harburger Anzeigen und Nachrichten – kurz HAN) verteilt und galt somit zu den „wohlhabenderen Jugendlichen“ - was allerdings nicht hieß und ich trotzdem fast immer pleite war. Ich war ein „Scheidungskind“ und meine Mutter allein erziehend mit mir und meinen beiden Schwestern (eine 6 Jahre jünger, eine 4 Jahre älter). Somit konnte ich von dieser Seite kein Geld erwarten für den Kauf von „Luxuswindeln“. Natürlich habe ich es versucht – aber das war von vornherein auch aus meiner Sicht mehr ein „vielleicht klappt es ja –Versuch“. Ich habe nicht damit gerechnet dass ich die Windeln von meiner Mutter finanziert bekomme. „Du hast doch reichlich Windeln im Schrank – was brauchst Du neue? Wenn Du die teuren Dinger haben willst – Du verdienst ja selber genug Geld.“

    War klar – aber ich habe auch nicht damit gerechnet. Es war sicher schon schwierig genug für meine Mutter uns drei durchzufüttern. Also habe ich gewartet bis zum nächsten Monatsanfang – so um den 10.ten war immer Abrechnung mit dem Verlag. Zwischen den 1.ten und dem 9.ten musste ich die Zeitungen immer persönlich bei den Abonnenten kassieren (Überwiesen haben damals nur sehr wenige) und immer so um den 10.ten eines Monats war Abrechnung. Anschließend hatte ich dann einige Tage gut Kohle in der Tasche. Also noch am Tag der Abrechnung sofort zum Saniladen – was einfach war, da die Abrechnung ebenfalls immer im Verlagshaus in Harburg durchgeführt wurde. Ich war also schon am Ort. Ich bin dann in das Sani-Geschäft und habe der etwas düster dreinschauenden Verkäuferin (oder auch Inhaberin) gesagt ich hätte gerne ein Paket von den Einwegwindeln.

    Sie schaute mich etwas fragend an – und meinet: „Die sind aber für Erwachsene“. – „Ja ich weiss - deshalb ja“ war meine Antwort.
    Die sind aber teuer – hast Du genug Geld dabei? Auch diese Zweifel konnte ich durch zeigen meiner in diesem Moment sehr dicken Geldbörse beseitigen.

    Na gut – dann schauen wir mal. – Welche Größe soll es denn sein?
    Welche Größe – keine Ahnung. Gibt es verschiedene Größen?
    Ich kannte Einwegwindeln so gut wie gar nicht und das es bei denen auch unterschiedliche Größen gibt war mir absolut neu und hat mich etwas überrascht.

    „Sind sie für Deine Oma?“ Wurde ich gefragt. „Äh – nein – ich brauche sie für mich selbst“.
    „Naja – dann ist es ja einfach. Komm mal mit nach hinten.“

    Wie – nach hinten? – Die Dame führte mich in einen kleinen Nebenraum. Komm mal rein hier – ich wusste gar nicht was sie wollte. Sie kam zu mir und hat in Windeseile und ohne dass ich überhaupt reagieren konnte meinen Hosengürtel geöffnet und meine Hose bis zu den Knien runter gezogen. Ich stand da nur in Gummihose und Stoffwindel. Sie hat dann ein Maßband aus der Kitteltasche geholt und gesagt – „dann müssen wir nur einfach schnell nachmessen – dann wissen wir welche Windeln passen.“ Ich war etwas „perplex“ und habe überhaupt nicht gewusst wie mir geschah. Sie hat dann meinen Bundumfang gemessen. Mir war nicht so ganz klar warum das nicht auch mit Hose gegangen wäre. Ich vermute mal, sie wollte so nebenbei einfach mal kontrollieren ob ich die Wahrheit gesagt habe und wirklich Windeln anhatte, wobei es aber natürlich auch möglich gewesen wäre, das ich „nur“ Bettnässer gewesen wäre. Somit konnte ich diese Aktion nicht so wirklich nachvollziehen. Aber das sind Einwände auf die kommt man erst später wenn man nochmals über die Sache nachdenkt. In dieser Minute habe ich – glaube ich – an gar nichts denken können.

    Sie meine dann – wenn man nicht genau misst dann kann es passieren das man die falschen Windeln nimmt und dann passen sie nicht – gehen nicht zu oder sind zu groß und somit auch schlecht passend und laufen schnell aus – und geöffnete Pakete tauschen wir nicht um.

    Hm – ich war ja man gerade erst knapp über 16 – was soll man da sagen. Ich fand es etwas eigenwillig – aber ich dachte mir dann – naja ist ja ein Fachgeschäft – die wird schon wissen was sie tut. Trotzdem – so im Gummihosen und Windeln vor einer mir bis dahin fremden Person – das kannte ich bisher immer nur von Arzt- oder Krankenhausbesuchen – und selbst da war es mir immer peinlich wenn ich mich nur mit Windeln habe zeigen müssen Ich bin mir auch heute noch sicher das es auch zu messen gewesen wäre ohne dass man die Hose bis zu den Knien runterzieht. Nachdem die Vermessung beendet war habe ich mir die Hose schnell wieder hochgezogen, zu gemacht und bin zurück in den Laden.

    Damals war ich noch „rank und schlank“. Die Windeln in „S“ hätten rein vom Umfang gerade noch gepasst – aber sie sagte ich solle mal die in Medium nehmen – die würden nicht ganz so knapp sein und somit besser passen und sitzen.

    Sie gab mir ein Paket von den Windeln in Medium und kassierte. Dann fragte Sie mich doch tatsächlich: „Willst Du gleich eine anziehen? Deine Windel war schon ganz schön nass und Du könntest gleich schauen ob die Windeln auch wirklich die richtige Größe hat“. – Mich hat es fast umgehauen. Ich habe kurz drüber nachgedacht aber lehnte dann doch freundlich ab – ich hätte nicht gewusst was ich mit den nassen Stoffwindeln machen sollte. Sie konnte Gedanken lesen: „Ich kann Dir für Deine nassen Windeln Plastiktüten geben“.

    Hm – jetzt kam ich doch etwas ins Grübeln. Immerhin meine ERSTE Einwegwindel – die würde ich ja schon ganz gerne gleich anprobieren. Dann sagte die Dame auch noch:“ Wenn Du sie gleich anziehst kann ich Dir zeigen wie Du sie richtig anziehen musst und helfen wenn Du Probleme hast“. Das war mir dann doch etwas „suspekt“ und etwas unheimlich. Mir erschien die Idee schon in der Einwegwindel nach Hause zu fahren zwar reizvoll – aber NUR wegen der neuen Windel. Der Gedanke das diese doch schon etwas ältere Dame mir beim Anlegen helfen wollte…… ich will ja nichts schlechtes denken – aber da habe ich doch ein etwas „mulmiges“ Gefühl bekommen. Also dankte ich freundlich und sagte: „Meine Windel wird schon noch eine Weile aushalten - vielen Dank für das Angebot“. Auf der Fahrt nach Hause habe ich dann aber doch gedacht dass es evtl. schon ganz schön gewesen wäre wenn ich die Windel schon angezogen hätte. Ich kannte das Gefühl von Einwegwindeln da ich schon öfters Babypampers „umfunktioniert“ hatte und sie mit Hilfe einer Unterhose als Einlage genutzt habe – aber eine richtig passende Pampers die man auch richtig mit Klebetapes verschließen konnte – das war wirklich was völlig Neues und ich konnte es eigentlich kaum abwarten.

    Andererseits wollte ich die Einwegwindeln aber auch nicht gleich „sinnlos“ verbrauchen sondern mehr dann benutzen wenn Stoffwindeln unpraktisch sind. Aber ich musste natürlich auch wissen wie weit man der Einwegwindel „vertrauen“ kann. Das einzige was wirklich blöd ist, sind Windeln die zu eine absolut unpassenden Zeit undicht werden oder überlaufen und dann die Hosen nass machen, was meist nicht zu übersehen ist.

    Also – ich MUSS die neuen Windeln SOFORT ausprobieren. Das geht mir übrigens selbst heute noch so. Wenn ich mir mal Windeln kaufe die ich noch nicht kenne, dann kann ich es kaum abwarten sie anzuziehen und auszuprobieren. HEUTE würde ich das oben geschilderte Angebot der Verkäuferin zur Hilfe beim Anlegen sicher nicht ablehnen ;-)

    Endlich zu Hause angekommen – es war gut 1 Std. fahrt von Harburg bis zu unserer Wohnung - musste ich zumindest eine Windel sofort ausprobieren. Ich habe meine Stoffwindeln ausgezogen und mir eine der neuen Windeln angelegt. Sie war spürbar dünner als meine Stoffwindeln und sie hatte eine schone Außenfolie die aber wirklich extrem laut raschelte. Selbst mit einer Unterhose und einer Jeans über die Windel war JEDER Schritt zu hören. Also nix für Indianer – anschleichen geht damit niemals. Allerdings fand ich das ziemlich toll. Eine Windel die man hört – das war auch eine völlig neue Erfahrung. Dass man sie allerdings so stark hört hatte ich nicht vermutet.

    Ansonsten war die Windel eher enttäuschend. Die Saugleistung war sehr gering und da die Windeln noch keine Superabsorber hatten war auch der Nässerückhalt sehr niedrig. Wenn man sich mit einer nasser Windel hingesetzt hat, dann war ein auslaufen im Grunde vorprogrammiert. Ich habe die Windeln durch das beilegen von Zusatz-Babywindeln entsprechend verstärkt – dann war es etwas besser – aber immer noch Meilenweit von der Saugleistung heutiger Windeln entfernt. Aber ich konnte so mit den Windeln ganz gut klarkommen. Auf jeden Fall waren sie wirklich bequem zu handhaben. Somit war jetzt auch mal ein relativ unkompliziertes wickeln möglich wenn man unterwegs war, was mit Stoffwindeln immer ein Problem darstellte. Ich habe mir diese Windeln dann noch sehr häufig gekauft und immer wenn ich sie anhatte und das rascheln der Außenfolie aber so laut war hieß es in meiner Familie immer nur – „horch, horch – wieder in den Nobelwindeln unterwegs..“. Oder ein Spruch der des Öfteren von meiner älteren Schwester kam „Horch, horch was kommt von draußen rein – es wird wohl Windel-Ingo sein“ – sie fand das wohl lustig und brachte den Spruch meist schon, bevor sie mich überhaupt sehen konnte.

    Von Seiten meiner Mutter waren die Reaktionen zu den Einwegwindeln, wenn ich mir mal wieder welche gekauft habe, weniger euphorisch. „Na – hast Du Dein Geld wieder für Wegwerfwindeln verplempert?“. Das diese „Geldverplemperung“ aber durchaus Sinn machte – zumindest bei bestimmten Situationen - ist ihr erst später bewusst geworden und dann hat Sie sogar mal das eine oder andere Paket gezahlt. Bis die Kassen die Einwegwindeln gezahlt haben sind noch einige Jahre ins Land gegangen. Ich glaube die ersten Windeln die ich von der Kasse bekommen habe waren bereits Attends.


    Ein anderes Erlebnis hatte ich beim Kauf von neuen Gummihosen. Ich habe im Schaufenster des Sanitätsgeschäftes in Hamburg-Neugraben PVC-Schutzhosen gesehen die ich bisher noch nicht kannte. Es waren die ersten Suprima die ich gesehen habe. Suprima gab es auch nie in den weiter oben bereits erwähnten Gummi-Fachgeschäften – sonder von Anfang an nur über den Sanitäts-Fachhandel.

    Also – da waren sie im Schaufenster – zwei verschiedene Modelle – eine Schlupfhose die für leichte Inko gedacht war und nur im Schritt eine PVC-Schutzbereich hatte und eine Schlupfhose komplett aus milchweißer PVC-Folie wie ich sie in ähnlicher Art auch von meinen Mölny und Septa schon kannte.

    Ich also rein in den Laden. Er war ziemlich gut besucht und es waren schon einige Kunden im Geschäft als eine Verkäuferin auf mich zu kam und fragte ob sie helfen könnte. Ich sagen „Bitte könnte ich einmal die Schutzhose sehen die Sie im Schaufenster haben?“. Als Antwort kam ziemlich laut und für jedermann hörbar: „Welche soll es denn sein – die Protektoren-Schutzhosen oder die Gummihosen?“. – Es stimmt – ich habe später noch einmal nachgesehen – neben den Gummihosen waren auch noch Protektoren-Hosen ausgestellt die ich vorher gar nicht zur Kenntnis genommen hatte. Ich weiß auch gar nicht wofür die benötigt werden. Es sind spezielle Hosen mit Druckpolster an div. Stellen. Vermutlich z.B. als Bruchschutz bei Leistenbruch oder so in der Art.

    „Die Inkontinenz-Hosen“ habe ich leise geantwortet. Als Antwort kam von ihr: „Ja kleinen Moment – das macht eine Kollegin“ – und dann hat sie laut quer durch den Laden gerufen: „Anneeeliiiieseee – kannst Du mal nach vorne kommen – hier ist ein Junge der braucht Gummiiiiihooosen“. – Eine Diskretion wie im Schlachthof. Ich hatte das Gefühl das tausend Augen auf mich gerichtet waren. Vermutlich hat jeder gedacht „Was will der große Bengel mit Gummihosen?“.

    „Anneliese“ ist dann nach wenigen Minuten gekommen und fragte“ Was sollen es denn für Hosen sein“ – sie war offensichtlich um einiges diskreter und hatte auch nicht so ein durchdringendes Sprachorgan.

    „Inkontinenz-Schutzhosen“ habe ich geantwortet. „Ja, ja – schon klar – aber was für welche? Für leichte Inko, mittelschwere, schwere?“

    „Die Hosen die ganz aus PVC sind“ habe ich geantwortet. Sie ging wieder nach hinten ins Lager und kam mit einem ganzen Stapel von Suprima-Kartons, Tüten und andere Marken – Melinda – oder so ähnlich zurück.

    „Schau mal hier – es gibt da verschiedene“ – Sie zeigte mir dann einige Schlupfhosen – mit und ohne Stoff-Inlett und auch zwei Hosen in Schwedenform mit Metalldruckknöpfen. Die Hosen von dieser anderen Firma „Melinda“ waren nichts Vernünftiges – sie waren aus so einem „Duschhauben-PVC“ und machten keinen besonders vertrauenserweckenden Eindruck. Die Marke schied von vornherein aus.

    „Ich hätte gerne eine Schlupfhose und eine Schwedenhose“. Sagte ich nachdem der ganze Tresen mit Gummihosen überladen war und ich die verschiedenen Typen inspiziert hatte.
    „Welche Größe brauchst Du?“ war die Frage. Die Hosen waren in den Größen von XS bis XL zu haben – je nach Typ und Sorte. „Ich weiß nicht so genau“. Mit diesen Größenangaben konnte ich nicht so recht was anfangen.

    „Dann währe es am besten wenn Du sie anprobierst – hast Du jetzt auch Windeln an?“

    Was für eine „unpersönliche“ Frage – dachte ich. Ich nickte nur mit dem Kopf – weil ich genau spürte das ALLE im Laden mich anstarrten und die auf den Verkaufstresen ausgebreiteten Gummihosen liegen sahen und mich GENAU beobachteten um auf meine Antwort zu warten – so schien es mir zumindest.

    „Dann ist es ja ideal – wir haben hier Probierhosen die Du bitte vor dem Anprobieren der Hosen über deine Windeln anziehst.“ Es waren so dünne Textil-Einweghosen – wie man sie auch als Socken aus Schuhgeschäften kennt – oder so ähnlich wie die die es inzwischen von Tena und so als Einweg-Fixierhosen im Handel zu kaufen gibt.

    Sie gab mir eine der besagten „Probierhose“ und Suprimas in S und M und zeigte mir eine Umkleidekabine.

    Also bin ich rein da, habe meine Jeans ausgezogen, die „Probierhose“ über meine Septa gezogen und eine Schlupfhose probiert. Die in „S“ war natürlich viel zu klein und zu eng. Die in „M“ ging ganz gut, war aber etwas knapp. Gerade wollte ich meine Jeans anziehen um aus der Kabine raus zu gehen um eine Suprima in „L“ zu holen als der Vorhang aufging. Ich stand wieder einmal nur in Windeln da – mit dieser hauchdünnen „Probierhose“ über meine Septa. Anneliese schaute hinein – und alle anderen Leute im Laden auch – den Sie hatte den Vorhang wirklich komplett aufgezogen und sich sogar noch an der Seitenwand der Kabine abgestützt – mit dem Vorhang in der Hand – genau genommen hatte die Kabine in diesem Moment keinen Vorhang mehr. „Und passt eine oder soll es doch lieber eine in „L“ sein – wenn Du so dicke Stoffwindeln trägst sind die in „L“ bestimmt besser – wenn Du die neuen „großen Pampers“ tragen würdest geht „M“ bestimmt auch gut“.

    Na super – hätte sie mir nicht gleich M und L mitgeben können? Allerdings konnte man ihr eine gewisse Erfahrung nicht absprechen. Was die Größen der Hosen in Bezug zur Windelart angeht hatte sie absolut Recht. Aber mit der vorher vermuteten „Diskretion“ ist es auch bei Annelise nicht so weit her. Sie sagte tatsächlich „Pampers“ zu den Einwegwindeln. Aber ich habe zu der Zeit nach wie vor vorwiegend Stoffwindeln getragen.

    „Hier nehme mal diese in Größe L“, sie reichte mir eine Suprimas in besagter Größe – „und probiere unbedingt die andere Hose in Schwedenform auch an – da sie etwas anders ausfallen als die Schlupfhosen“. Sie gab mir auch noch die andere Suprima und hat dann endlich – nach „gefühlten“ 30 Minuten – den Vorhang wieder zu gezogen. Diese Aktion hat sicher nur einige Minuten gedauert – aber mir kam es vor als ob ich den halben Tag nur im Windelpaket mitten im Laden stand.

    Es war so wie vermutet. Die Hosen in „L“ waren etwas „geräumiger“ und ich habe mich für diese Größe entschieden. Es war auch richtig dass die Hose in Schwedenform etwas kleiner ausfiel. – Wie schon gesagt – Erfahrung hatte Anneliese allemal – und wer weiß – vielleicht ja sogar aufgrund von „Eigenerfahrung“.

    Ich war später noch einige Mal in dem Laden – schon deshalb weil es der am besten erreichbare Laden dieser Art von meinem damaligen Wohnort war.

    Die Diskretion wurde allerdings kaum besser. Es kam des Öfteren vor – nachdem ich in dem Laden bereits „Stammkunde“ war und man mich kannte - dass schon nach hinten gerufen wurde sowie ich den Laden betreten habe: „Anneeeelieseee – komm bitte nach vorne – Gummiiiihoooseeeen!“. Anprobiert habe ich dort allerdings nie wieder welche, so dass das hier geschilderte Einkaufserlebnis eine einmalige Angelegenheit blieb.

    Die eine oder andere für mich noch peinliche Situation gab es beim Windel- und Gummihoseneinkauf immer wieder mal. Im Laufe der Jahre war es mir dann aber immer weniger peinlich und inzwischen ist es mir eigentlich völlig egal. Ich bekomme meine Windeln heute meist per Spedition – immer drei Originalkartons auf einmal. Aber auch wenn ich mir mal Windeln im Sani-Laden kaufe oder bei Schlecker meine Einlagen – dann trage ich sie meist offen in den Händen – sie sind ja meist in praktischen Trageverpackungen mit Griff. Mir ist es völlig egal was andere denken – schließlich geht es ja auch niemanden was an.

    Zu der damaligen Zeit war es allerdings sehr viel anders. Ich war sehr schüchtern und mir war das Kaufen von Windeln eigentlich immer peinlich. Immer wenn ich in ein Geschäft gegangen bin in dem ich vorher noch nicht war bzw. in dem ich nicht schon bekannt war hatte ich einen Blutdruck den ich bis zum Hals spüren konnte. Erst wenn ich wusste das ich in dem Geschäft bekannt war und alle schon wussten das ich komme um Windeln oder Gummihosen zu kaufen fühlte ich mich weniger angespannt – sofern nicht gleich wieder eine Verkäuferin als Marktschreierin auftrat und laut herausposaunt hat das ich komme um Windeln oder Gummihosen zu kaufen und ALLE im Laden es – meist mit Verwunderung – zur Kenntnis genommen haben.

    Umkleidekabinen haben bei mir sowieso immer so ein bisschen das „Image einer Risikobox“. Es ist mir schon mehrfach passiert dass ich nur im Windelpaket in Umkleidekabinen stand und plötzlich die Sicht für alle Kunden im Laden freigegeben wurde – aus den unterschiedlichsten Gründen. Sei es weil jemand die Kabine verwechselt hat und den Vorhang aufgezogen hat oder weil eine Verkäuferin ohne Achtung der Privatsphäre einfach den Kabinenvorhang geöffnet hat, um zu fragen ob die Klamotten passen.

    Einmal hatte ich das „unbeschreibliche Glück“ das ich beim Klamottenkauf gerade die Jeans anprobieren wollte, als ich etwas ungeschickt in die Jeans hinein gestiegen bin. Das Bein der Hose habe ich dabei mit dem Fuß nicht getroffen und dann das Gleichgewicht verloren habe. Das einzige was ich noch greifen konnte war der Vorhang – der sich daraufhin von der Vorhangstange verabschiedet hat - und ich bin der Länge nach in den Laden gefallen – auf den Vorhang drauf und nur mit Socken und Windelpaket bekleidet – und dann war nicht einmal eine andere Kabine frei in der ich mich hätte schnell verkriechen können. Meine Füße haben sich dabei auch noch in der Jeans verheddert so dass ich erst einmal nicht aufstehen konnte bevor ich diese nicht entwirrt hatte. Es blieb mir dann nur der Vorhang als kurzfristigen „Sichtschutz“ – aber bis ich da auf den Beinen war und mein Windelpaket verhüllen konnte ging eine unendliche Zeit ins Land – und in solch einem Moment hat eine Minute dann „gefühlte“ 200 Sekunden.

    Soweit meine kleinen Erlebnisse beim Einkaufen von Windeln, Gummihosen und sonstige Klamotten. Sicher hat der/die eine oder andere ähnliche Situationen erlebt oder Erfahrungen gemacht. Ich habe auch heute noch immer etwas „gemischte Gefühle“ wenn ich eine Umkleidekabine betrete, wobei es aber eher selten vorkommt – dank Internet und e-Commerce.

    Gruss

    Ingo

    Weitere Lebensberichte sind hier zu finden:

    Wie es vor vielen Jahren anfing. Mein Weg zur Windeltoleranz...

    Seminar in Windeln - wer hätte das gedacht...

  2. #2
    gummihöschen
    Gast

    Erlebte Zeiten

    Hi Ingo,

    Danke für deinen schönen Erlebnisbericht aus der Zeit von Sanitätshäusern, Gummiwaren-Fachgeschäften, Suprima, Septa ect.
    Es war wirklich eine ganz andere Zeit. Der Fachhandel war die Bezugsquelle der Wahl. Versandhandel, bzw. Post von Lampe oder Kunzmann wollte ich nicht ins Haus haben.
    So kann ich mich auch noch gut an die spannenden Beratungen und Einkäufe in Sanitätshäusern und auch bei diesen Gummiwaren-Fachgeschäften erinnern.Wobei ich seinerzeit recht schnell herausbekommen habe: In Sanitätshäusern wurde man fast ausschliesslich von verständnisvollen Frauen bedient, im Gummiwaren-Fachgeschäft stand einem oft ein Mann als Verkäufer gegenüber. Einem Mann meine Bedürfnisse und Wünsche zu offenbaren, das fiel mir zu schwer. Das konnte ich nicht. Frauen gegenüber hatte ich da ein ganz anderes Vertrauensverhältnis.
    Missen möchte ich die Erlebnisse jener Zeit nicht, die Erinnerungen daran sind schon ein Stück Lebensgeschichte.

    gummihöschen

  3. #3
    fluffy_dpr
    Gast

    Tempi passati

    Vielen Dank für diese sehr schön geschriebenen Erinnerungen! Vieles habe ich ähnlich oder sogar genau so erlebt - zum Beispiel die anfängliche Nervosität beim Windelkauf oder in Beratungsgesprächen. In einem Punkt muss ich jedoch widersprechen. Das Gummi-Fachgeschäft, das ich kannte, führte durchaus PVC-Hosen von Suprima, z.B. die 1250 oder 1205 in rein weiß. Der Laden befand sich bis ca. ins Jahr 2000 in der Altstadt von Nürnberg und wurde dann wohl geschlossen. Ab meiner Studienzeit war ich dort eine zeitlang Stammkunde. In dem Geschäft gab es wirklich alles, was aus Plastik oder Gummi war - vom Klapptisch bis zur Inkontinenzhose. Eigentlich war das Geschäft ein einziges Sammelsurium der unterschiedlichsten Alltagsgegenstände, die nach keinem erkennbaren System im Verkaufsraum angeordnet waren - es herrschte sozusagen kreatives Chaos. Einziges verbindendes Element war der Kunststoff bzw. Gummi. Die Suprimas befanden sich in einem niedrigen Verkaufstisch aus Glas. Bedient wurde ich von einer stets höflich lächelnden Asiatin (vermutlich Thai oder Vietnamesin). Beraten lassen habe ich mich von ihr nicht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sie über die Kenntnisse einer Medizinprodukteberaterin oder Sanitätshausfachangestellten verfügte. Gummi-Maier hieß der Laden, glaube ich, aber vielleicht trügt da meine Erinnerung.

  4. #4
    Senior Member Avatar von wfingo

    Registriert seit
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    Hallo

    Solche "Gummi-Fachgeschäfte" kenne ich auch noch. Dort habe ich ja auch die ersten PVC Hosen gekauft - (steht so geschrieben). Ich kannte zwei in Hamburg. Und ebenfalls bis ende der 90ger/Anfang 2000 eines in Freiburg hinterm Schwabentor und eines in Basel. Alle hatten sie neben Gummibahnen für Förderbänder auch PVC-Hosen im Programm. Sie waren vermutlich immer so chaotisch wie Du sagst. Und dort gab es die Suprimas früher als in Sanigeschäften zu kaufen.

    Mein damaliges Sani"stamm"geschäft hatte sie anfangs nicht im Angebot. Wenig später dann aber auch. Suprima Gummihosen (bzw. Herzlieb) gibt es schon seit 1938.

    Infos gibt es hier Suprima Firmengeschichte

    Gruß

    Ingo

  5. #5
    fluffy_dpr
    Gast
    Hallo!

    Naja, mein Kommentar bezieht sich auf diesen Abschnitt:
    Ein anderes Erlebnis hatte ich beim Kauf von neuen Gummihosen. Ich habe im Schaufenster des Sanitätsgeschäftes in Hamburg-Neugraben PVC-Schutzhosen gesehen die ich bisher noch nicht kannte. Es waren die ersten Suprima die ich gesehen habe. Suprima gab es auch nie in den weiter oben bereits erwähnten Gummi-Fachgeschäften – sonder von Anfang an nur über den Sanitäts-Fachhandel.
    In meiner nordbayerischen bzw. fränkischen Heimat war es gerade umgekehrt. In dem Nürnberger Gummiladen gab es Suprimas, aber keine Mölny oder Septa, die abgesehen davon auch kein Sanitätshaus in der ganzen Gegend führte. Daher habe ich diese Marken lange Zeit nur vom Hörensagen gekannt. Ich habe mich schon damals gefragt, ob das an der geografischen Nähe zum Firmensitz des Suprima-Herstellers im oberfränkischen Bad Berneck liegt. Suprima bzw. Kleeberg & Meyer schickte damals auch regelmäßig seine Gebietsvertreter mit Musterkoffern in die Sanitätshäuser. In den besten Zeiten gab es Sanitätshäuser, die fast alle der damals erhältlichen PVC-Hosen von Suprima führten. Seit den Reformen im Gesundheitswesen und dem immer zahlreicheren Aussterben von kleineren Sanitätshäusern hat die Auswahl praktisch überall stark gelitten.

    Gruß,
    Martin

  6. #6
    gummihöschen
    Gast

    Gummiladen

    @fluffy_dpr

    Ich kannte auch einen Laden in der Nürnberger Innenstadt, er hieß "Gummi-Medico". Von deiner Beschreibung her, trifft es auch auf diesen zu.
    Vielleicht meinen wir ja beide den gleichen Laden.
    Hab mich damals (1980er) schon gewundert, was die so alles haben.
    War für mich eine Mischung aus Sanitätshaus und Gummiwaren-Fachgeschäft.
    Aber super gut und total interessant für mich.
    Hab einiges dort gekauft, die Verkäuferinnen waren total lieb !

    gummihöschen

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