Gedanken zum Jahresende
Es ist 05:16 Uhr, und ich sitze auf der Couch und genieße meinen Morgenkaffee – so, wie ich es um diese Zeit häufiger tue. Ich genieße die Stille, die Ruhe vor dem Sturm. Natürlich bin ich immer noch gut verpackt in meiner MoliCare Maxi. Es tut gut, den Morgen so zu verbringen. Kein Müssen, kein Sollen. Einfach nur sein. Eine kleine, achtsame Insel am Morgen.
Jetzt zur Weihnachtszeit denke ich viel zurück, aber auch viel an andere: daran, wie es ihnen gerade geht. Der Weihnachtsbaum leuchtet. Ich sehe ihn an, während ich einen Schluck Kaffee nehme, und frage mich, wer gerade genau das Gleiche tut.
Eine Draufsicht auf das Bild stellt sich ein: Wer sitzt wohl gerade genauso wie ich vor dem Weihnachtsbaum, in eine Windel verpackt, und genießt den Morgen? Wer lässt der Natur noch einmal freien Lauf und wärmt die Windel, die von der Nacht schon gut benutzt ist, ein weiteres Mal auf?
Der Nachbar vielleicht?
Mein Kumpel Barny, den ich seit Jahren nicht gesehen habe?
Meine Arbeitskollegin Susi?
Vielleicht mein Chef?
Oder sogar meine Schwester?
Nein – ich denke, all diese Menschen trinken vielleicht auch gerade ihren Kaffee, aber eine vollgepullerte Windel werden sie sicher nicht tragen. Und so schleicht sich, wie so oft, wieder ein Gedanke bei mir ein:
„Du bist doch nicht normal! Ein erwachsener Mann, der ohne ersichtlichen Grund freiwillig Windeln trägt – und das auch noch schön findet!“
Aber was wäre, wenn mein Nachbar seinen Morgenkaffee in einem Sommerkleid, BH und Strapsen genießt?
Was wäre, wenn mein Kumpel Barny zum Kaffee einen Joint raucht?
Was wäre, wenn meine Arbeitskollegin sich gar nicht hinsetzen kann, weil sie – wie immer, wenn sie Zeit für sich hat – anfängt zu putzen?
Was wäre, wenn mein Chef gerade keinen Kaffee trinken kann, weil er noch ans Bett gefesselt ist und sein Liebhaber ihn heute Morgen vor neun nicht losmacht?
Und was wäre, wenn meine Schwester vielleicht keine Windeln trägt, sich aber nur Minuten später mein Schwager – also ihr Mann – mit einer bunten Alpaka-Windel und Schnuller im Mund zu ihr gesellt und sich auf ihren Schoß setzt?
Diversität – ein Wort, das mittlerweile viel zu überfrachtet ist und bei dem sich vielen schon beim Lesen die Nackenhaare aufstellen. Ich nenne es deshalb nicht Diversität, sondern Einzigartigkeit, denn das drückt viel besser aus, was wir sind. Wir sind nicht verschieden. Wir sind einzigartig.
Mit dieser Erkenntnis schicke ich euch, ihr einzigartigen Menschen da draußen, die gerade – so wie ich – eine Windel tragen, liebe Weihnachtsgrüße und wünsche euch einen guten Rutsch ins neue Jahr.
Viele Grüße
Alex


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